Fernschreiber-Gespräche
Ein fiktives Gespräch zwischen zwei historischen Fernschreibmaschinen
Ich und meine Schwester, jeweils eine Siemens T 100, möchten Ihnen etwas über unser Leben berichten. 1999 übernahm uns das Technikmuseum Berlin. Wir kamen in das Depot für Kommunikationstechnik. In Erwartung auf bessere Zeiten nach unserem erfüllten Arbeitsleben dämmerten wir in einer dunklen Halle, abgedeckt, vor uns hin.
Zum Trost stand meine Schwester-Maschine neben mir – das war eine nette Geste der Kuratoren des Museums.
2019 kamen einige Herren vom Museum und vom Arbeitskreis Kommunikationstechnik und interessierten sich für uns. Wir verstanden nicht so recht, was das bedeuten sollte. Sie redeten von Transport, Reinigung, Wartung, technischer Überprüfung, Vorführung zum Netzfest 2019 am 05.05. und vielen Besuchern.
Wir konnten uns keinen Reim darauf machen. Alles, was wir so mit unseren alten Ohren gehört hatten, wurde für uns Realität.
Während der Vorbereitungs- und Servicephase in einem Rüstraum des Museums konnten wir unseren Betreuern viele Details unseres Lebens vermitteln.
Unsere Geburtsstätte war eine Produktionsanlage der Firma Siemens. Die Konstrukteure gaben uns den Namen T 100, mit dem wir ganz zufrieden waren. Dieser Name stand weltweit für hohe Qualität. Unser Produktionsjahr war ungefähr 1959 – das ist so lange her, dass wir es schon fast vergessen hatten. Wir fanden einen interessanten Arbeitsplatz bei einem netten Berliner Stahlgroßhändler, Carl Später, im Bestellwesen. Ich stand im direkten Kontakt mit meiner Schwestermaschine in der gleichen Firma, aber an einem anderen Ort. Das nannten unsere technischen Betreuer eine Standverbindung.
Die Konstrukteure, die uns die Kommunikation lehrten, redeten von einer elektrischen, alphanumerischen Symbolsprache. Wir, die T‑100‑Familie und unsere Ahnen, gehörten bereits zu einer Generation, die eine elektrische Zweidrahtverbindung zur Kommunikation nutzte. Da wir eine sehr schnell arbeitende Elektromechanik besaßen, konnten wir innerhalb von 20 ms einen Informationsschritt übertragen. Diese vielen kleinen Schritte führten zu einem flotten Schreibtempo. Sehr schnelle Damen an unserer Tastatur haben wir einfach ausgebremst. Wir blockierten die Tastatur, da wir uns nicht überarbeiten wollten. Das Maximum, das wir erlaubten, waren 400 alphanumerische Zeichen in der Minute. Das ergibt etwa 6,67 Zeichen in der Sekunde. Das war Spitze. Zu Ehren des französischen Ingenieurs und Erfinders Jean-Maurice-Émile Baudot wurde die Symbolrate mit 50 Bd (Baud) benannt. Er war der Erfinder des 5‑Bit‑Codes, auch unter dem Namen CCITT‑Telegrafenalphabet Nr. 2 bekannt.
Lange vor dem Einsatz der elektrischen Übertragung versuchten Nachrichtenübermittler, mit definierten optischen Zeichen und einem Zeigertelegrafen, Entfernungen zu überbrücken. Das gelang nur auf Sichtweite, bei gutem Wetter und nur am Tage – und war sehr langsam. Das waren zu viele Einschränkungen; deshalb haben sie uns erfunden.
Mit unseren schnell schaltenden Kontakten fügten wir 5 Informationsschritte hintereinander. Der Partnermaschine signalisierten wir mit einem 20‑ms‑Startschritt, dass wir mit der Zeichensendung beginnen. Dann folgten die 5 Informationsschritte und ein 30 ms langer Stoppschritt. Das war die verabredete Codierung für ein alphanumerisches Zeichen.
Gerade die jungen Besucher auf dem Netzfest fanden uns interessant und erforschten die alten Kommunikationstechniken: dass zeitgleich tatsächlich nur einer reden konnte, während der andere Redeverbot hatte – das verlangte das Gesprächsprotokoll. Die jeweilige Redephase musste deshalb immer mit einem international verabredeten Code, hier mit +?, abgeschlossen werden. Eine Disziplin wie im realen Gespräch. Die Unterhaltung bzw. Verbindung beendeten wir mit dem internationalen Code ++++. Das begeisterte die jungen Besucher, die darin einen Vorläufer des heutigen Chats sahen. Unsere Betreuer nannten das eine Halbduplex-Verbindung. Das klingt schon etwas altbacken. Da gefällt uns die moderne Form schon besser. Ältere Besucher freuten sich, als sie uns sahen, wollten uns gleich berühren, weil sie uns aus ihrer alten Arbeitsumwelt kannten. Unsere letzten Verwandten gingen 2007 in den Ruhestand, da das deutsche Telex-Netz abgeschaltet wurde. Wir passten halt nicht mehr in die moderne Informationswelt. Wir erzählen unseren Kindern und Enkeln, dass wir stolze Wegbereiter der Informationstechnik waren.
Besonders freuten wir uns, dass wir unsere Unterhaltung über eine historische Leitung auf zwei Telegrafenmasten mit Porzellanisolatoren führen konnten. Von dieser Übertragungstechnik schwärmten unsere Urahnen.
Viele unserer weltweit verstreuten Verwandten konnten nur über ein internationales Telexnetz in Verbindung treten. Dazu fehlten mir und meiner Schwester die technischen Voraussetzungen – eine Impulswahleinrichtung mit Nummernschalter. Für uns waren die Familienbande im Hause eher interessant als internationale Kontakte.
Wir hatten gehört, dass wir bald wieder zur „Langen Nacht der Museen“ einen eventuellen neuen Einsatz haben. Wir hofften und freuten uns auf viele weitere interessante Gespräche mit den Besuchern, die wir in unsere Geheimnisse der frühen elektromechanischen Nachrichtentechnik einweihen möchten. Unser Wunsch, wieder dabei zu sein, erfüllte sich tatsächlich. Wir stehen gerne für weitere interessante Vorführungen zur Verfügung.
Wer noch Fragen hat, möge sich mit uns oder dem Arbeitskreis Kommunikationstechnik in Verbindung setzen. Eine neue Telex-Nummer haben wir leider bisher noch nicht, aber seit Neuestem gibt es wieder eine Möglichkeit, über das Internet weltweite Verbindungen herzustellen. Eine Hobby-Telex-Gruppe baut für unsere Verwandten eine passende Anschalteinrichtung (i‑Telex) für das Internet.
Aber Sie können uns auch über eine E-Mail Adresse (AK-Komm@fdtm.de) erreichen!
So ganz verstaubt und aus der Welt sind wir auch noch nicht.
Bis bald, mit lieben Telegrafiegrüßen, wir beenden mit dem Telex-Ende-Code ++++ unser Gespräch.
Arbeitskreis Kommunikationstechnik der Freunde und Förderer des Deutschen Technikmuseums und ifkom – Ingenieure für Kommunikation
Text und Fotos: Wolfgang Blaschke











